Analyse · Regulierung
ESMA-Chefin Ross: MiCA-Fokus wandert von Regeln zur Aufsicht
Das Arbeitsprogramm 2027 richtet sich an die nationalen Behörden und enthält keine neuen Pflichten für Anbieter. Was das für dein Konto bedeutet und wo du hinschauen kannst.
Phil6 Min. Lesezeit

Nach dem Geltungsbeginn von MiCA habe sich der Fokus von der Regelsetzung hin zu Aufsicht und Aufsichtskonvergenz verlagert: Das sagte ESMA-Vorsitzende Verena Ross am 28. September 2026 vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss (ECON) des Europäischen Parlaments, nachzulesen im Redetext der ESMA. Am selben Tag erschien das Arbeitsprogramm der europäischen Wertpapieraufsicht für 2027; neue Pflichten für Krypto-Anbieter enthält es nicht. Für dich als Anleger laufen die Pläne auf zwei Fragen hinaus: Wird MiCA in jedem EU-Land gleich streng angewendet, und wann darf dich eine Börse außerhalb der EU ansprechen?
Was die ESMA 2027 von den nationalen Aufsehern will
Das Arbeitsprogramm richtet sich an die nationalen Aufseher wie die BaFin. Die ESMA will 2027 erreichen, dass diese Behörden dieselben MiCA-Regeln möglichst gleich anwenden; genau das meint Aufsichtskonvergenz. Das Programm ist eine Planung und kann sich mit dem Gesetzgebungsverfahren zu MISP, dem EU-Paket zur Integration und Aufsicht der Kapitalmärkte, noch ändern.

Die Liste der Schwerpunkte für 2027 ist ausdrücklich offen; zu ihr gehören die Liquidität im EU-Kryptomarkt und die Einstufung von Kryptowerten. Für dein Konto zählen vor allem drei weitere Punkte: ausreichende Unternehmenssubstanz in der EU samt Risiken aus Auslagerung, Reverse Solicitation und die digitale operative Resilienz der Anbieter.
Ross, die nach eigenen Worten ihre letzte ECON-Anhörung als ESMA-Vorsitzende bestritt, nannte als Ziel einen Rahmen, in dem Innovation gedeiht und der Unternehmen Klarheit, Anlegern Schutz und dem Markt Vertrauen gibt.
Der Malta-Fall zeigt, warum die ESMA auf gleiche Zulassungspraxis drängt
Wie gleich die Aufsicht ist, entscheidet sich zuerst bei der Zulassung. Anbieter, die schon vor dem 30. Dezember 2024 nach geltendem Recht Kryptodienste erbrachten, durften nach Angaben der ESMA höchstens 18 Monate, also längstens bis 30. Juni 2026, ohne MiCA-Zulassung weiterarbeiten. Die nationalen Behörden konnten diese Frist verkürzen.
Wie genau eine Behörde bei der Zulassung hinschaut, hat die ESMA in Malta untersucht. In einem Peer Review prüfen Aufseher unter dem Dach der ESMA die Arbeit einer nationalen Behörde, hier der maltesischen Aufsicht MFSA. Im Peer-Review-Bericht vom 10. Juli 2025 stellte das Peer Review Committee den Zeitpunkt in Frage, zu dem die MFSA einem namentlich ungenannten Krypto-Dienstleister die MiCA-Zulassung erteilte: Mehrere wesentliche Punkte waren da noch ungelöst. Die Reaktion der MFSA nach der Zulassung bewertete das Gremium als weitgehend angemessen.

Die MFSA trägt die Kritik mit: Sie respektiere die Sicht des Gremiums und akzeptiere dessen Befunde, erklärte sie in ihrer Stellungnahme zum Bericht. Nach ihrer Darstellung bewertete das Gremium den Zulassungsprozess als „partially meeting expectations“, also als teilweise erwartungsgemäß, die Ausstattung ihrer Aufsicht als voll und die Reaktion nach der Zulassung als weitgehend erwartungsgemäß. Die Kritik trifft damit den Zeitpunkt einer einzelnen Zulassung, kein Urteil über die gesamte maltesische Krypto-Aufsicht.
Die ESMA hat aus dem Einzelfall Empfehlungen für alle Behörden gemacht, die Krypto-Dienstleister zulassen. Nach der ESMA-Mitteilung vom 10. Juli 2025 sollen sie besonders auf Geschäftswachstum, Interessenkonflikte und die IT-Architektur achten. Dazu kommen Governance und gruppeninterne Vereinbarungen, also wer im Unternehmen entscheidet und wie es mit anderen Firmen seiner Gruppe verbunden ist, sowie Web3 und dezentrale Produkte, bei denen Dienste über Blockchain-Anwendungen ohne zentralen Betreiber laufen.
2027 will die ESMA überwachen, wie die Behörden diese Empfehlungen umsetzen. Verwandt damit sind zwei Schwerpunkte des Arbeitsprogramms: ausreichende Unternehmenssubstanz in der EU, also wie viel vom zugelassenen Unternehmen tatsächlich hier angesiedelt ist, und Risiken aus Auslagerung, wenn ein Anbieter Aufgaben an andere Firmen abgibt.
Wann darf dich eine Börse außerhalb der EU ansprechen?
Für Börsen außerhalb der EU kennt MiCA eine Ausnahme. Ein Anbieter aus einem Drittstaat darf einen Kunden in der EU ohne MiCA-Zulassung bedienen, wenn dieser ausschließlich aus eigener Initiative zu ihm kommt; das nennt sich Reverse Solicitation und steht in Artikel 61 MiCA. Nach den ESMA-Leitlinien vom 26. Februar 2025 ist diese eigene Initiative eng auszulegen, und die Ausnahme steht auf der Liste der Schwerpunkte für 2027.
Die Ansprache durch den Anbieter legen die Leitlinien dagegen weit und technologieneutral aus. Als Beispiel, bei dem ein Drittstaatenanbieter wahrscheinlich als einer gilt, der EU-Kunden anspricht, nennen sie Suchmaschinenoptimierung, die gezielt auf eine Region oder ein Land zugeschnitten ist. Die Leitlinien sind eine Auslegungshilfe für die Behörden, ihre Beispielliste ist offen.
Für Deutschland wird die BaFin deutlich. Krypto-Unternehmen ohne MiCAR-Erlaubnis, die in Deutschland Geschäfte machen wollen, würden von der BaFin grundsätzlich verfolgt, sagte BaFin-Expertin Ruth Burkert im BaFin-Interview vom 26. August 2026. MiCAR ist die Abkürzung, die die BaFin für die MiCA-Verordnung verwendet.
Burkert beschreibt auch, wie Anleger an solche Anbieter geraten: Viele deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher nutzten Anbieter, die in Suchmaschinen weit oben erscheinen, und einige davon hätten keine MiCAR-Lizenz. Ihre Einschätzung berührt dasselbe Feld wie das Suchmaschinenbeispiel der ESMA-Leitlinien.
Verwahrung, Meldungen, Marktüberwachung: was die ESMA 2027 aufbauen will
Am nächsten an deinen Coins liegt die Verwahrung, und hier setzt der Schwerpunkt digitale operative Resilienz an: Er fragt, ob die IT eines Anbieters Störungen verkraftet. Seit Juni 2026 läuft dazu eine gemeinsame Aufsichtsaktion zu den Verwahrdiensten der Krypto-Dienstleister, in der die nationalen Behörden abgestimmt dasselbe Thema untersuchen. 2027 will die ESMA einen Abschlussbericht veröffentlichen, der die Befunde der Behörden bündelt.
Außerdem will die ESMA fördern, dass Krypto-Dienstleister ihre regelmäßigen Meldungen an die nationalen Aufsichtsbehörden einheitlicher gestalten. Das ist eine Absicht für 2027; Zeitplan und Instrument stehen noch aus.
Gegen Marktmissbrauch wie Insiderhandel oder Kursmanipulation baut die ESMA MIDAS auf, ein zentrales Überwachungssystem für Kryptowerte, das die nationalen Behörden unterstützt. Seine erste Phase soll bis 2027 voll funktionsfähig sein. Eine nächste Phase mit neuen Analysefunktionen und zusätzlichen Datenarten braucht die Zustimmung des ESMA-Boards und hat bisher keinen Termin.
Woran du 2027 erkennst, ob sich für dich etwas ändert
Die wichtigste Wegmarke ist ein Bericht der EU-Kommission zur Anwendung von MiCA, den die ESMA bis Juni 2027 erwartet. Parallel verhandeln Parlament und Rat über das MISP-Paket. Die ESMA rechnet laut Pressemitteilung mit einer Einigung im Jahr 2027 und bereitet sich darauf vor, gegebenenfalls zu einer stärker zentralisierten Aufsicht mit direkten Aufsichts- und Durchsetzungsbefugnissen zu werden.
Ein festes Datum steht im Arbeitsprogramm auch: Am 31. Dezember 2027 endet die Übergangsfrist, in der Betreiber von Handelsplattformen sicherstellen müssen, dass für einen Kryptowert ein Whitepaper erstellt wird, also das Informationsdokument zum Token. Achte darauf, was deine Handelsplattform bis dahin dazu mitteilt.
Unterm Strich setzt das Arbeitsprogramm um, was Ross als neuen Fokus beschrieben hat: Die Arbeit verschiebt sich von der Regelsetzung zur Frage, ob die Behörden MiCA gleich anwenden. Wie sich das bei einzelnen Börsen auswirkt, wird sich erst zeigen, denn Adressaten der ESMA-Pläne sind die Aufsichtsbehörden.
Einen Prüfschritt hast du selbst in der Hand, wenn du bei einem Anbieter außerhalb der EU handelst. Die ESMA legt die eigene Initiative des Kunden eng und die Ansprache durch den Anbieter weit aus, und die BaFin verfolgt Anbieter ohne MiCAR-Erlaubnis, die in Deutschland Geschäfte machen wollen, nach Burkerts Worten grundsätzlich. Bist du über eine auf Deutschland zugeschnittene Suche oder Ansprache zu einer solchen Börse gekommen, kläre, ob sie eine MiCA-Zulassung hat.
Wie MiCA bei einzelnen Anbietern und Token wirkt, zeigen die Beiträge zu Binance ohne MiCA-Lizenz und zu Zcash und Litecoin bei SwissBorg sowie der Coinbase-Überblick.
Stand: 29. September 2026.
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Quellen
- ESMA: 2027 Annual Work Programme (ESMA22-50751485-1673) · ESMA
- ESMA-Pressemitteilung: ESMA sets 2027 priorities for stronger, simpler and more integrated EU capital markets · ESMA
- Verena Ross: Opening statement at the ECON hearing, 28. September 2026 (ESMA24-450544452-3094) · ESMA
- ESMA: Fast-track peer review on a CASP authorisation and supervision in Malta (ESMA42-2004696504-8164) · ESMA
- ESMA-Pressemitteilung: ESMA identifies opportunities to strengthen MiCA authorisations · ESMA
- BaFin-Fachartikel: „Eine Bafin-Lizenz ist ein Gütesiegel“, Interview mit Ruth Burkert · BaFin
- ESMA: Guidelines on reverse solicitation under MiCA (ESMA35-1872330276-2030) · ESMA



